STADTFLUCHT



In Genua treffen Weltkulturerbe und Enduroflow aufeinander – eine Kombination, die kaum eine andere Metropole auf der Welt bietet. Eine Reise durch eine Stadt, die viel mehr kann, als man ihr zutraut. Diese Stadt ist für Mountainbiker kein Zwischenstopp. Sie ist ein Ziel.

Text und Fotos: Markus Greber | Veröffentlicht: 17.02.2026

Enrico Guala fährt nicht einfach Rad, er choreografiert. Mit präziser Eleganz wechselt er die Linien, lässt das Mountainbike springen, driften und wieder Grip bekommen. Sein Fahrstil wirkt nicht wie Technik, sondern wie Instinkt. Und während ich Mühe habe, auf Kurs zu bleiben, tanzt der kleine Italiener Ballett. Klein, charismatisch, mit grau meliertem Haar und ausladender Gestik: Enrico würde eher als Lokalpolitiker durchgehen als als einer der Drahtzieher im internationalen Enduro-Zirkus. Doch kaum sitzt er auf dem Mountainbike, wechselt er den Modus. Plötzlich fliegt er zwischen Farn, Wurzeln und Mauern durch die Hänge oberhalb von Pegli, als hätte jemand die Fernbedienung auf Vorspulen gestellt. «Jetzt kommt der Antifoes», raunt er auf Englisch mit Italo-Akzent über die Schulter, kurz bevor er beherzt in eine steile, verblockte Rinne hineinrutscht. Ich hinterher, irgendwie. «Welcome to my Hometown», grinst Enrico am Fuss der Abfahrt.

Lange war Genua nicht mehr als eine Autobahnausfahrt auf dem Weg nach Finale Ligure. Hier erblickt man nach dem San-Bernardino-Pass und dem Mailänder Verkehrschaos erstmals das Meer. Schön, aber bitte schnell weiter. Weiter nach Finale, ins vermeintliche Epizentrum der europäischen Mountainbike-Szene. Genua? Da denkt man an Containerhafen, Lärm, Stau – ein Ort, den man als Mountainbiker einfach links liegen lässt.

Warum fahrt ihr immer an Genua vorbei?


Es war Harald Philipp, der uns den entscheidenden Impuls gab, hier einmal einen Stopp einzulegen. Harald, Vortragsreisender, Flow-Forscher und passionierter Berglinienleser, lebt seit Jahren in Ligurien, irgendwo zwischen Kastanienwäldern und Kletterfelsen. Auch für ihn war Genua lange ein gewollter weisser Fleck auf der Trail-Karte, bis ihn ein paar Freunde aus Finale einmal dorthin mitnahmen.

So stehen wir ein paar Wochen später mit Harald und unseren Mountainbikes mitten in Genuas Altstadt. Drei Tage wollen wir der Stadt geben, um uns zu überzeugen. Die Altstadt ist schon einmal erstaunlich hübsch, doch für unsere erste Tour müssen wir nach Pegli, ganz im Westen der Metropole. Für diesen Transfer durch die Stadt bietet sich der Zug an, hatte Enrico Guala geraten. Der Mann, der mit der Enduro World Series Mountainbike-Geschichte geschrieben hat, ist hier aufgewachsen. Für uns hat er eine seiner Lieblingsrouten zusammengestellt.

In Pegli empfangen uns Palmenpromenaden, Prachtvillen und schicke Autos. Doch dahinter beginnt die grüne Hölle. Auf uralten Karrenwegen tasten wir uns da hinein und folgen ihnen in eine Welt aus Farnen, Moosen und steinigen Spitzkehren. In einer langen Schleife umrunden wir erst den Bric Monache, dann den Bric Ferra. Die beiden Hügel sind nicht einmal 400 Meter hoch, aber verbergen an ihren Hängen wahre Juwelen. Der Wald öffnet sich, und plötzlich stehen wir am Start des besagten «Antifoes».

Enrico dreht sich zu uns um, grinst: «Früher war das hier noch wilder. Für uns Trial-Kinder war es das perfekte Trainingsgelände – alles verblockt, du bekamst keinen Meter geschenkt.» Dann zeigt er auf die Einfahrt des Trails. «Ein Freund von mir hatte damals so ein sündhaft teures Foes-Mountainbike, das Highend-Gerät der 1990er-Jahre. Damit ist er auf dem Trail hier kläglich gescheitert. Seitdem nennen wir den Trail Antifoes.» Der Trail ist kurz, aber extrem: ein verblocktes, rutschiges Steilstück in Falllinie ohne nennenswerte Kurven. Er ist eine Hommage daran, was man in den 1990er-Jahren unter Downhill verstand.

Oben am Bric Ferra machen wir kurz Pause und geniessen das Panorama. Die Stadt, der Hafen und die ligurische Küste breiten sich unter uns aus – ein Flickenteppich aus Farben, Linien und Licht. Doch Zeit zum Träumen bleibt kaum. Denn es wartet der «Crestino». Ein verspielter Flowtrail, der sich im Kontrast zum «Antifoes» in weiten Schwüngen durch die lichten Hänge zieht. Enrico lässt es laufen, tänzelt spielerisch von Kurve zu Kurve. Er kennt ganz genau die Traktionsgrenzen seiner Heimatrails, weiss, wo das Rad greift und wo nicht. Währenddessen testet Harald mit breitem Grinsen den Grip auf der Ideallinie.

Der Trail endet abrupt an einem riesigen Wohnkomplex. Wir schlängeln uns zwischen Parkplätzen, Carports und Gartenmauern hindurch, passieren ein knarzendes Gartentor. Enricos Augen funkeln: «Jetzt kommt das Sahnestück!» Der «Crazy Doc» zieht sich oberhalb der Autostrada entlang, während tief unter uns die Lastwagen durch die Tunnel donnern – Lärm und Stille, Beton und Grün. Der Kontrast könnte grösser nicht sein. Und genau hier, erzählt Enrico, sei sein persönlicher Spielplatz gewesen. Hier habe alles angefangen. Trial, Technik, Leidenschaft fürs Mountainbike. Hier sei er schon als Kind mit dem Bonanza-Rad unterwegs gewesen, erzählt der spätere Enduro-Pate begeistert.

Der Monte Fasce


Am nächsten Tag steht der Monte Fasce auf dem Programm, Genuas höchste Aussichtstribüne. Von fast überall sichtbar, karg, windumtost und mit einem Kranz aus Antennen auf dem Rücken. 832 Meter hoch, 26 Trails – und keine einzige Baumkrone. Stattdessen: freie Sicht auf die gesamte Riviera, von Portofino bis Finale Ligure. Die Auffahrt ist schweisstreibend, vor allem auf den letzten Kilometern entlang des sogenannten Metanodotto – einem steilen Wartungsweg über einer unterirdischen Gasleitung. Der Weg windet sich in wechselnder Steigung durch offene Hänge und vermittelt mit seiner kargen Umgebung und dem dauerhaften Blick auf die Antennen eine fast surreale Stimmung. Der Karrenweg zieht sich in wechselnden Kurven über offene Hänge, während unten das Häusermeer flimmert. Genua wirkt von hier oben wie ein Flickenteppich aus Altstadt, Hafenanlagen und bunten Fassaden, durchzogen von Verkehrsadern und aufblitzenden Dachterrassen.

«Man muss sich nicht entscheiden zwischen Stadt und Bergen », hatte Enrico gesagt. Und hier oben wird uns das umso klarer. Der Monte Fasce bietet die beste Aussicht von Genua. Bei klarem Wetter sieht man sogar Korsika. Jetzt geht es in die Abfahrt. Wir entscheiden uns für eine Trail-Kombination aus «Topinigi», «Tupango Alto» und «Tupango Basso». Drei Trails, die unterschiedlich nicht sein könnten. Während «Topinigi» mit gebauten Kurven für eine Menge Flow sorgt, zeigen sich die beiden letzteren eher von der ruppigen Seite. 700 Tiefenmeter vernichten wir auf gut vier Kilometern, bevor wir wieder in die pulsierende Stadt eintauchen und der Uferpromenade Richtung Hafen folgen.

Nach dem Motto «das Beste kommt zum Schluss» haben wir uns die «Ronda della Forti» für Tag drei aufgespart. «Ein Trail- Hochgenuss durch Genuas bewegte Geschichte.» Enrico hatte uns diese Runde ans Herz gelegt. Wie jeden Morgen kurbeln wir durch die engen Gassen, vorbei an Wäscheleinen und Vespa-Spiegeln. Es riecht nach Espresso und frischen Brioches.
Wir lassen uns gerne vom italienischen Morgenchaos mitreissen und rollen durch die Gassen Richtung Zecca. Hier startet
die «Funicolare Zecca-Righi», eine historische Standseilbahn, die für sich genommen schon ein Erlebnis ist. Die steile Fahrt
in knarzigen Waggons durch uralte Stadtteile, vorbei an Palazzi und schmalen Stadthäusern, dauert rund zehn Minuten. Dann sind wir in Righi, dem Startpunkt der Tour.

Über Schotter und Waldwege kurbeln wir zum Monte Spino, wo das erste Fort wartet. Das Fort Fratello Minore ist Teil der
westlichen Verteidigungslinie und wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Es war einst als vorgelagerter Beobachtungsposten gedacht. Von hier konnte man anrückende Feinde aus dem Hinterland frühzeitig erspähen. Heute liegt es vergessen am Waldrand, von Moos überzogen und mit halb verfallenen Mauern. Und markiert den Einstieg in die Trails. Der Blick zurück auf die Stadt ist spektakulär. Dann ein erstes Trail-Stück über offenes Wiesengelände, mit Meerblick in der Peripherie. Ein echter Enduro-Trail, mal flowig, mal wurzelig, zieht eine Schleife zurück zum Hauptweg.

Später erreichen wir das Forte Diamante – 667 Meter über dem Meer, mit einer unfassbar weiten Rundumsicht über die
Stadt, die Küste und tief hinein ins ligurische Hinterland. Es ist das spektakulärste aller Genua-Forts. Seine exponierte Lage hoch über der Stadt, direkt auf einem freistehenden Gipfel, macht es zu einer echten Landmarke. Schon von weitem sieht man den ikonischen Zickzackweg, der hoch zur Festung führt.

Auch diese Anlage wurde Ende des 18. Jahrhunderts erbaut, als Teil eines gigantischen Verteidigungsgürtels, mit dem sich die Republik Genua gegen französische Truppen behaupten wollte. Insgesamt über ein Dutzend Forts zogen sich damals über die Hügelkämme oberhalb der Stadt als steinerne Barriere gegen die neue Zeit. Heute sind viele davon verfallen, zugewachsen, vergessen. Doch manche wie das Forte Diamante trotzen noch immer Wind und Wetter und erzählen von einer Ära, in der Genua nicht nur See-, sondern auch Festungsstadt war.

Am Forte Diamante startet die Abfahrt zurück nach Genua. Steil, technisch, teils von fachkundigen Einheimischen geshaped. Und dann der «Mantide»: Ein schmaler Gratweg hoch über der Stadt – stellenweise ausgesetzt, immer fordernd, aber nie gefährlich. Linienwahl ist hier alles, die Aussicht atemberaubend. Kurz: ein episches Juwel, das seinesgleichen sucht. Der Trail spuckt uns auf Seehöhe aus, genauer gesagt im Stadtteil San Sebastiano. Ein langer Uphill bringt uns wieder auf den Track oberhalb von Righi, den wir zuvor schon passiert hatten. Hier startet das grosse Finale der Tour. Für ein kurzes Stück nehmen wir den «Artu», einen flowigen Kurven-Trail mit Sensationsblick auf die Stadt und den Hafen. Dann biegen wir ab in den «La Mosca », einen höllisch steilen Sturzflug oberhalb der Stadt.

Wir rollen durch die Gassen zurück zum Hafenlärm, Palaver und multikulturellen Treiben. Wir nehmen einen Aperitif in einer schrägen Bar und stossen an auf drei perfekte Mountainbike- Tage. Drei Tage Genua, auf dem Mountainbike, in der Stadt und mit offenen Augen. Was wir gefunden haben, hat uns überrascht: eine Stadt, die lebt. Eine Trail-Region, die von Einheimischen gepflegt und gestaltet wird. Eine urbane Wildnis, die mit dem Mountainbike direkt von der Piazza aus erreichbar ist. Vielleicht ein bisschen wie Vancouver. Nur auf Italienisch.

mountainbike SUPERTRAILS bei genua


 

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