Ischgl Backstage



Bekannt ist Ischgl durch Glanz und Glamour. Doch hinter der Bühne klatschen Mountainbiker Applaus für echte Trail-Abenteuer mit Liftanbindung. Eines davon führt über wilde Pfade und stille Hochebenen – übers Kronenjoch nach Galtür.

Text und Fotos: Markus Greber | Veröffentlicht: 15.01.2026

Verfluchte schwere Kiste – denke ich, während ich das E-MTB über den nächsten Felsblock wuchte. Meter um Meter kämpfe ich mich die steile Rampe hinauf, die zum Kronenjoch führt. Von der Tobi behauptet hatte, sie „sollte größtenteils fahrbar” sein. Von „fahren“ kann hier keine Rede sein. Es ist Schieben, Zerren, Fluchen. Und ich schiele genervt zwanzig Meter nach links, wo auch Tobi sich stoisch hocharbeitet.

Die Oberschenkel brennen und die Finger krampfen vom ständigen Drücken der Schiebehilfe. Ein Schritt nach vorne und gefühlt zwei wieder zurück. Über mir hievt Maxi – ebenfalls im Meditationsmodus – sein Bike durch die nächste Kehre. Jens, der Filmer keucht hinter mir und hat, genau wie ich, zusätzlich mit einem schweren Kamerarucksack zu kämpfen.

Dann endlich haben wir das Joch erreicht. Links von uns die Breite Krone, rechts das Gipfel mächtige Fluchthorn, der mit 3380 Metern zweithöchste Gipfel der Silvretta Gruppe. „ Schaut mal auf Ostflanke”, sagt Tobi und deutet Richtung des Gipfels. „Da hatte ich mal eine Skitour geplant. Aber den Hang gibt es nicht mehr. Der ganze Gipfel ist abgebrochen und hat den halben Berg umgeformt. Jetzt ist er 20 Meter niedriger”. Heute ist es ruhig hier oben und wir hören nur unseren Atem in der dünnen Luft. Ein entlegener, fast surrealer Platz, weitab von jeglicher Hektik. Unter uns öffnet sich das Jamtal, ein breiter, graugrüner Kessel, an dessen Ende sich unser Trail verliert.

Ein entlegener, fast surrealer Platz, weitab von jeglicher Hektik


Schon seit Jahren spukte die Idee dieser Tour in Tobis Kopf. Im Winter war er hier oft mit Ski unterwegs, hat Linien gelesen und Übergänge gecheckt und sich gefragt, ob die Überschreitung übers Kronenjoch ins Jamtal nicht auch mit dem Bike funktionieren könnte. Ein Abenteuer, das vielleicht noch niemand zuvor gewagt hatte. Und beim Stichwort „Erstbefahrung” hatten wir, Maxi, Jens und ich, natürlich sofort zugesagt.

Und so hatte dieser Tag in Ischgl, wie viele es kennen, begonnen. Mit der Silvrettabahn hoch auf die Idalp, in die Welt der Scheinwerfer, der Superstars und des Glamours. Seit Jahrzehnten schreiben die Frühjahrskonzerte hier Schlagzeilen: Pop- und Rockgrößen auf 2300 Metern, zwischen Schneeresten und Schampusgläsern.

Tobi kennt diese Seite von Ischgl besser als die meisten. Mit seiner PR-Agentur war er viele Jahren für Ischgls Medienarbeit zuständig. Er hat die großen Konzerte kommunikativ begleitet, Pressekonferenzen moderiert, Journalisten betreut und mitgeholfen, aus dem Tiroler Skiort eine internationale Marke zu machen.

„Kylie Minogue, Tina Turner, Lenny Kravitz, Robbie Williams, Elton John – hier oben waren sie alle“, sprudelt es aus Tobis Mund, nachdem uns die Silvrettabahn an der Idalp ausgespuckt hatte. Und liefert gleich noch eine echte Insider-Story: „Elton John durfte damals nicht in den Schnee treten. Krokodillederschuhe. Also haben wir ihn mit dem Heli hochgeflogen, und vom Landeplatz bis zur Bühne wurde ein roter Teppich ausgelegt. So konnte er ohne Schneeberührung auf die Bühne schreiten.“

Heute ist die Idalp ist leer. Die Sonne steht noch tief, ein paar Mitarbeiter präparieren die Terrasse für die Sommergäste. Statt Soundcheck und Kamerakränen hängen ein paar Endurobikes an den Ständern. Unser Plan: Weg vom Scheinwerfer-Ischgl, hinein in das andere Ischgl. Das Ischgl ohne Mikro, Pyrotechnik und roten Teppich.

Von der Idalp geht es mit der Flimjochbahn hoch zum Äußeren Viderjoch. Ein kurzer steiler Stich und wir tauchen in den Schmugglertrail ein. Der schmale Pfad zieht sich verspielt am Grat entlang, rollt an der ikonischen Greitspitze mit ihrem massiven Holzkreuz vorbei, quert Hänge, hüpft über Kuppen, und eröffnet immer wieder den Blick ins Paznaun und hinüber zur Silvrettagruppe. Hinter uns Tirol, vor uns die Schweiz, unten grasige Rücken und schattige Täler.

Bis zum Salaaser Kopf bleibt der Weg von Bikepark-Architekten verschont. Ein echter Naturtrail mit Ecken und Kanten. Danach übernimmt ein gebaute Flowlinie, die sich mit sauber gezogenen Anliegern und Wellen zum Zeblasjoch hinunterwindet. Danach ist Schluss mit der Komfortzone.

Am Zeblasjoch endet der offizielle Bikezirkus mit Netz und doppeltem Boden. Wir durchqueren auf garstigen Geröllpisten die Westflanke der 3000 Meter hohen Vesilspitze und kämpfen uns auf Felspfaden Richtung Fuorcla Val Gronda. „Ein Bier, wer es bis oben ohne Absteigen schafft”, ruft Tobi von hinten. Doch jeder von uns muß irgendwann Pause machen, so steil und verblockt ist die Auffahrt. Dafür belohnt die Fuorcla mit einer völlig neuen Perspektive. Ein rostiges Schild markiert die österreichisch-schweizerische Grenze. Danach beginnt eine weitläufige Hochebene mit einem Trail wie aus dem Bilderbuch.

„Willkommen in Tibet“, strahlt Tobi und präsentiert die Szenerie mit ausladender Gestik. Wir lassen die Blicke über die weitläufige Landschaft schweifen: Hochalpine Gräser, kleine Seen, dazwischen ein schmaler Pfad, der wie eine Bleistiftlinie durch die Fläche zieht. In der Ferne erhebt sich eine schroffe Bergkette, dunkel und kantig. Tobi deutet hinüber: „Da drüben seht ihr die Breite Krone. Rechts davon das Fluchthorn. Und irgendwo dazwischen, in dem Sattel, da müssen wir heute noch hin.“

Zum ersten Mal an diesem Tag wird klar, wie groß das Programm wirklich ist. Der Trail zieht sich nun leicht abfallend durch diese Hochebene. Unterhalb des Piz Fenga Pitschna rollen wir durch eine Landschaft, die so einsam wirkt, dass man nicht überrascht wäre, plötzlich auf ein Yak zu treffen. Stattdessen begegnen wir nur ein paar Murmeltieren und einem Wanderer, der uns mustert als hätte er den zum Yak passenden Yeti gesehen. Das leichte Gefälle dieses Traumtrails erlaubt uns Geschwindigkeiten weit jenseits der der Abregelgrenze unserer Motoren – völlig untypisch für diese alpinen Höhenlagen. Und so fliegen wir johlend und ohne zu bremsen eine gefühlte Ewigkeit.

Unterhalb des Piz Davo Sasse fällt der Trail scharf rechts ab Richtung Heidelberger Hütte. Aus dem spielerischen Pfad wird eine fordernde Abfahrt. Geröll, Haarnadelkurven, verblockte Stufen. Maxi sucht vorn die Linien, Tobi zieht präzise hinterher. Jens und ich den beiden mit den Kameradrohnen dicht auf den Fersen.

Auf der gesamten Strecke vom Zeblasjoch über die Fuorcla Val Gronda bis zur Heidelberger Hütte hatten wir weit und breit keinen Biker gesehen. Doch hier, am wohl bekanntesten hochalpinen Bikerstop geht es zu wie auf einem Bike Festival: scharenweise Alpenüberquerer auf dem Weg Richtung Süden. „Was, übers Kronenjoch wollt ihr?” – Loisl Eiter, der charismatische Hüttenwirt, schaut uns ungläubig an. „Des könnts vergessn, da fahrts ihr koan Meter”. Stumm sitzen wir vor unseren Röstis und fokussieren Tobi. „Aber du hast doch gesagt..!” – aber das ist jetzt egal. „Komm, wir teilen uns noch einen Kaiserschmarren und packen es an”, versucht Jens die Gruppendynamik wieder herzustellen.

Der Kaiserschmarren hatte uns uns unsere gute Laune und Abenteuerlust zurückgegeben. Und: „Es ist ja schließlich nicht das erste Mal daß wir ein paar Meter schieben müssen”, sagt Maxi, während wir hinter der Heidelberger Hütte auf unsere Bike schwingen. Doch so harmlos wie der folgende Wiesentrail von unten aussieht, so unerbittlich katapultiert er uns alle paar Meter aus dem Sattel. Entweder, das Vorderrad bleibt und einem Matschloch stecken und läßt das Hinterrad hohldrehen. Oder ein Pedal bleibt an der seitlichen Flanke des Wiesentrails hängen und zwingt uns zum Absteigen. Während Maxi und Tobi dank besserer Kondition, Fahrtechnik und leichterem Gepäck hinter dem nächsten Buckel entschwinden, beschließen Jens und ich zu schieben.

An einer weiten Hochebene auf 2500 Metern treffen wir wieder auf unsere Gefährten. Abgelegen, ruhig, geprägt von hochalpinen Gräsern, feuchten Senken und kleinen Wasserflächen. Der Trail ist klar erkennbar, schmal und fest angelegt, wir bleiben konsequent darauf und weichen keinen Zentimeter aus, aus Rücksicht auf die sensible Fauna. Aber immerhin: ein paar Meter im Sattel auf fahrbarem Untergrund ist Balsam für Puls und Muskeln. Für ein paar Minuten rollt es überraschend gut. Das Gelände steigt kaum an, der Blick geht weit, und man könnte fast glauben, der schwierige Teil läge hinter uns. Doch da hatten wir uns getäuscht.

Am Ende der Ebene bäumt sich die Flanke zum Kronenjoch auf. Der Weg ist hier kaum mehr als ein ausgewaschener Steig. Steil, und mit großen Felsstufen durchsetzt. Fahrbar ist wenig. Zuerst schieben, tragen, heben wir die Bikes im Gänsemarsch über hohe Absätze, später sucht sich jeder seine eigene Linie auch abseits des Weges. Jeder arbeitet für sich, im eigenen Tempo. Der Fotorucksack drückt, die Oberschenkel brennen, die Hände schmerzen vom ständigen Anpacken.

Kurz unterhalb des Jochs sammeln wir uns wieder. Keiner sagt viel. Dann stehen wir oben. Die Breite Krone links, das Fluchthorn rechts. Der Wind ist kühl, die Luft dünn. Unter uns öffnet sich das Jamtal, weit und grau-grün, und irgendwo dort unten verliert sich unser Trail.

Durch den Aufstieg aufs Kronenjoch im Schneckentempo hatten wir viel Zeit verloren. Und eine langen Abfahrt, deren schwierigen Charakter wir nur ahnen können, liegt vor uns. Es ist später Nachmittag und tief unten, wo wir die Jamtalhütte vermuten, hat sich schon der Schatten breit gemacht. Wir verzichten auf den geplanten Abstecher auf die breite Breite Krone. Die Abfahrt beginnt steil. Lose Schotterflanken, wenig Grip, volle Konzentration. Die Abfahrt fühlt sich an wie Fahren auf einem riesigen Kugellager. Weiter unten wird der Trail enger, technischer, immer wieder unterbrochen von kurzen Flow-Passagen. „Zuckerbrot und Peitsche”, höre ich Jens hinter mir keuchen.. Die Finger schmerzen vom Bremsen, die Kräfte lassen nach, Pausen sparen wir uns aus Angst vor der Dunkelheit.

Erst an der Jamtalhütte gönnen wir uns ein kurzes Durchatmen. Ein Getränk, ein Blick auf die Uhr, dann weiter. Eigentlich liegen noch einige Trail-Kilometer vor uns, aber die Dunkelheit zwingt uns auf die Fahrstraße Richtung Galtür. Traurig ist deswegen keiner, denn Trails hatte uns der Tag genug geboten. Die letzten Kilometer rollen wir im Dunkeln zurück nach Ischgl. Kein Applaus, kein roter Teppich. Aber das, einen richtiges Bike-Abenteuer erlebt zu haben.

DIE SUPERTRAILS IN DIESEM REVIER


 

Ischgl – Kronenjoch Epic


Die Kronenjoch-Überschreitung ist ein echtes Abenteuer: lang, hochalpin und weitgehend abseits jeglicher Infrastruktur. Die Route führt über teils empfindliche Schutzgebiete und ...
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49 km

8:45 h

↑ 2.817 hm
↓ 2.817 tm

1.597 hm

2.969 m

1.353 m

Ischgl – Schmugglerrunde


Die Schmugglerrunde ist Ischgls inoffizielle Signatur-Tour: ein Potpouri aus geshapten Flowtrails, naturbelassenen Singletrails und hochalpinem Panorama auf fast 3000 ...
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34 km

9:15 h

↑ 2.828 hm
↓ 2.828 tm

2.595 hm

2.861 m

1.352 m

Ischgl – Friedrichshafener Hütte


Es gibt mehrere Gründe, frühmorgens die hochalpinen Ischgler Trails hinter sich zu lassen und die Verwall-Gruppe auf der gegenüber liegenden Seite des Paznauntals ins Visier zu ...
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10 km

1:55 h

↑ 688 hm
↓ 688 tm

688 hm

2.219 m

1.524 m

TIPPS & INFOS


 

Das Revier

Ischgl liegt im Paznauntal in Tirol, eingebettet zwischen den Dreitausendern der Silvretta, der Samnaungruppe und der Verwallgruppe. Die Region bietet heute ein dichtes Netz aus markierten Mountainbike-Trails, ergänzt durch gute Liftanbindungen in den Sommermonaten. Gleichzeitig eröffnet das hochalpine Umfeld viel Potenzial für anspruchsvolle Touren jenseits klassischer Bikepark-Routen.

So kommt man hin

Mit dem Auto erreicht man Ischgl über die Inntalautobahn (A12) bis Landeck, anschließend weiter über die Silvrettastraße (B188) ins Paznauntal. In Ischgl stehen mehrere Parkmöglichkeiten zur Verfügung.

Mit der Bahn: Bahnhof Landeck-Zams. Von dort aus mit dem Linienbus 260 Richtund Paznaun. Die Busfahrt von Landeck nach Ischgl dauert etwa eine Stunde.

Beste Reisezeit

Ischgl liegt auf 1377 Metern, die Trails gehen bis auf fast 3000 Meter. Oft liegt noch bis in den Sommer Schnee. Vor Juni kann man mit Ischgl als Bikerevier nicht rechnen. Die Saison endet dann Ende September. Die Lifte öffnen die Sommersaison am 27.6.26. Letzter Lifttag ist dann der 4.10.26.

Lifte

Im Bikepark Ischgl–Samnaun ist die Mitnahme von Mountainbikes in der Sommer-Saison auf mehreren Bergbahnen möglich. Insbesondere die großen Gondeln und Sesselbahnen rund um Idalp, Viderjoch, Greitspitze und Alp Trida bieten Bike-Mitnahme an und ermöglichen so Tourenstarts auf Höhenwegen oder Flowtrails ohne große Zufahrten. Die genauen Bedingungen und Zeiten variieren saisonal; aktuelle Hinweise gibt es direkt vor Ort und auf den Websites der Bergbahnen.

Übernachten

Alle Hotels und Pensionen mit Sommerbetrieb sind in der Regel mit einer Infrastruktur für Biker ausgestattet (Bikeraum, Waschplatz, usw.). Man bucht am besten über die Buchungsseite auf Ischgl.com. Das spart Buchungsgebühren gegenüber anderen Portalen. Campingplätze gibt es In Ischgl nicht. Dafür aber einen sehr idyllischen Platz in Galtür, am Ende des Paznauntals ()

Gravity Card / Silvretta Card

Seit Neuestem ist die Bike Arena Ischgl/Samnaun, Kappl und See sowie die Silva Trails in Galtür an die Gravity Card angeschlossen. Diese bietet mit nur einem Ticket Zugang zu 30 Bikeparks in sieben Ländern Europas. Der Preis für die Gravity Card 2026 stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest. Wer in einem der Hotels in Ischgl absteigt, bekommt automatisch die Silvretta Card. Damit kann er alle Lifte im Gebiet jeden Tag einmal nutzen. Mit geschicktem Kombinieren, zum Beispiel auf unserer beschriebenen Schmugglerrunde, fährt man so den ganzen Tag umsonst Lift.

Familien

Nur rund neun Kilometer talauswärts von Ischgl liegt Galtür – deutlich ruhiger, überschaubarer und besonders familienfreundlich. Mit den Silva Trails bietet der Ort ein eigenes Trailnetz mit leichten Strecken, Übungsarealen und Angeboten für Kinder und Einsteiger. Wer mit bikebegeisterter Familie unterwegs ist, findet in Galtür oft die entspanntere Basis. Die Alpkogelbahn in Galtür öffnet am 20.6.26.

Events

Der Iron Bike am 7. und 8. August 2026 zählt zu den traditionsreichsten Mountainbike-Marathonrennen der Alpen. Im Zentrum der Veranstaltung steht das anspruchsvolle Marathonformat, ergänzt durch weitere Rennklassen und Side-Events. Vom 3. bis 5. September 2026 folgen die E-Bike-Weltmeisterschaften, bei denen sich Fahrerinnen und Fahrer in unterschiedlichen Disziplinen messen und das wettkampforientierte E-Mountainbiking im Fokus steht.